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Teil 5: Karteileichen, Roboterköpfe und ein Schutzschirm unter Zeitdruck

Zurück an Bord der MERIDIAN: Logbuchnotizen über eine Flotte ohne gemeinsames Fundament, ein wachsendes schwarzes Loch und eine Deadline, die ihren Namen diesmal wirklich verdient.

Auf zum Wrack

Am nächsten Morgen löst sich ein kleines Shuttle von der MERIDIAN. Varek steuert es auf das zwei Kilometer lange Wrack zu, das seit gestern in der Schirmachse treibt. Aus seinem Inneren kommt ein regelmäßiges Notrufsignal. Das Signal wurde bereits am Vortag entdeckt, aber erst jetzt ist klar, dass es von einem Schiff stammt.

Die Zeit drängt. In drei Tagen und elf Stunden werden die Umlaufbahnen von Proxima-Vier instabil. Bis dahin müssen alle fünf Schiffe unter der Leitung der MERIDIAN ihre Daten im selben Takt einspeisen und den Schutzschirm in Betrieb nehmen.

„Wie viel Zeit bleibt uns noch?“, fragt Varek.

„Drei Tage und elf Stunden“, antwortet N3RV. „Die Datenbereinigung läuft, aber solange das Wrack die Schirmachse blockiert, können wir den Schutzschirm nicht in Betrieb nehmen. Und wir können das Wrack nicht bewegen, solange wir nicht wissen, was sich darin befindet.“

Varek blickt auf das Wrack. „Dann sollten wir es herausfinden.“

Jemand hält hier Ordnung

Die Schleuse öffnet sich in dem Moment, in dem das Shuttle an das Wrack andockt. Dahinter ist es kalt, dunkel und erstaunlich ordentlich. An der Wand zieht sich eine lange Reihe eingeritzter Striche entlang, sauber in Fünfergruppen geordnet.

Ein Mann kommt pfeifend aus einem Seitengang auf sie zu. Sein grauer Bart reicht bis zur Brust. Er trägt drei Jacken übereinander und hält einen Roboterkopf unter den linken Arm geklemmt.

„Hallöchen! Na, Sie sind aber spät dran.“

„Ich verstehe nicht. Wir haben das Signal erst gestern entdeckt“, sagt Varek irritiert. „Heute haben wir festgestellt, dass es von diesem Wrack stammt.“

Der Mann wendet sich dem Roboterkopf zu und flüstert: „Hast du das gehört, Bukowski? Sie haben uns erst jetzt entdeckt!“

Der Kopf antwortet nicht.

„Wer sind Sie? Und wer bei den Feuern von Vulcan ist das?“, fragt Varek und deutet auf den Metallkopf.

„Wilson, Leiter der IT. Und das ist Bukowski, ehemaliger Hilfsroboter der Kommunikationsabteilung.“ Wilson senkt die Stimme. „Früher war er gesprächiger.“

N3RV rollt einen halben Meter zurück. „Diese veraltete Einheit verfügt weder über eine autarke Energieversorgung noch über eine aktive Sprachfunktion.“

Wilson zieht den Metallkopf schützend an sich. „Na und? Er hört mir trotzdem zu. Sonst würde ich ihm wohl kaum jeden Morgen erzählen, was passiert ist.“

Varek betrachtet Wilson, den verrosteten Roboterkopf und den makellos gekehrten Korridor.

„Sind Sie seit siebzehn Jahren hier allein?“

Wilson streicht über Bukowskis Gehäuse.

„Nein. Erst seit dem dritten Jahr.“

„Was ist im dritten Jahr passiert?“

„Das Projekt zur Vereinigung der Flotte wurde eingefroren.“

„Und die Crew?“

„Zwei Rettungsschiffe haben sie abgeholt.“ Wilson sieht auf die Konsole. „Aber ich stand offenbar nicht auf der Liste.“

Varek schweigt.

„Das System führte mich als bereits abgemeldet“, fährt Wilson fort. „Wahrscheinlich hielt man mich für gerettet. Und vermutlich wurde mein Notruf irgendwann als Fehlfunktion des alten Systems abgelegt.“

Vierhundertzwölf aktive Einträge

Wilson führt sie in ein Büro hinter dem Crewbereich. Dort läuft eine einzelne Konsole, die er seit siebzehn Jahren jeden Morgen von Hand mit Strom versorgt. Auf dem Bildschirm erscheint die Besatzungsliste: Vierhundertzwölf Einträge mit dem Status „aktiv“.

„Kessler, Maschinendeck“, liest Varek vor.

Wilson nickt. „Der gute alte Kessler.“

„Wo ist er?“

„Gestorben. Im zweiten Jahr.“ Wilson lächelt. „Ich habe seinen Nachruf geschrieben. Die Weltraum-Bestattung war sehr schön. Und die Feier danach erst …“

Varek deutet auf den Bildschirm. „Aber sein Datensatz ist noch aktiv. Er bezieht weiterhin Gehalt.“

„Oh.“ Wilson legt den Kopf schief und zuckt dann mit den Schultern. „Na ja. Das hätte ihm bestimmt gefallen.“

Varek scrollt weiter. „Marek-Sund. Zweimal. Einmal mit Bindestrich, einmal ohne.“

„Das ist derselbe Mann. Der Bindestrich kam bei der Hochzeit dazu. Irgendjemand hat ihn danach neu angelegt, statt den bestehenden Eintrag zu ändern.“

„Und der hier? Bukowski, Kommunikationsabteilung. Status aktiv.“

„Natürlich.“ Stolz hebt Wilson den Roboterkopf an. „Er arbeitet ja noch.“

„Aber er besteht nur noch aus einem Metallkopf.“

„Einem erfahrenen Metallkopf.“ Wilson streicht über das Gehäuse. „Die Crew hat ihn geliebt. Er hatte zu allem einen bissigen Kommentar. Nach seinem Unfall mit einem besonders ehrgeizigen Staubsauger-Roboter blieb er im System aktiv. Wir haben uns in den Abteilungen einfach nie auf ein gemeinsames Format einigen können.“

Das Schiff macht, was es will

Varek blickt auf den Bildschirm. „Können Sie dieses Schiff manövrieren?“

„Leider nein. Es fliegt, wohin es will. Ich wohne hier nur.“

„Wir müssen dieses Wrack innerhalb der nächsten zwei Tage aus der Schirmachse bringen. Andernfalls müssen wir es sprengen, damit der Schutzschirm über Proxima-Vier errichtet werden kann. Sie müssen mit auf die MERIDIAN kommen. Nach Abschluss unserer Mission bringen wir Sie nach Hause.“

„Nach Hause?“ Wilson sieht ihn entgeistert an. „Ich bin hier zu Hause.“

„Dieses Schiff wird zerstört, wenn es weiterhin in der Schirmachse treibt.“

Wilson blickt auf die vierhundertzwölf aktiven Einträge. Hinter jedem Namen steckt eine Geschichte. Hinter vielen aber keine lebende Person mehr.

Der vergessene IT-Leiter seufzt, sieht zu Bukowski hinunter, lauscht einen Moment und nickt ernst.

„Bukowski möchte sich Ihr Schiff zumindest einmal ansehen.“

Varek atmet auf. „Dann los. Wir haben keine Zeit zu verlieren.“

Kurz vor dem Andocken an die MERIDIAN meldet sich Navara über Funk.

„Commander, Captain Orrek lässt ausrichten, dass die Archive der KETHRA seine Angelegenheit seien. Er brauche niemanden, der in seinen Schränken wühlt.“

„Sagen Sie ihm, dass wir keine Zeit für Zartgefühl haben. Ich erwarte die Zugänge bis morgen früh.“

Was mitwandert und wer das entscheidet

Vierhundertzwölf aktive Einträge in einem System, das seit Jahren niemand mehr geprüft hat: In gewachsenen HR-Landschaften entstehen solche Bestände oft schleichend.

Vor der Übernahme nach Employee Central sollten die Daten deshalb analysiert und – so weit sinnvoll und möglich – bereits im Altsystem bereinigt werden. Wer erst während des Imports aufräumt, verlagert einen großen Teil der Arbeit in eine Phase, in der Zeitdruck und Abhängigkeiten besonders hoch sind.

Dabei lohnt es sich, zwei Fehlerarten zu unterscheiden: Dubletten entstehen, wenn dieselbe Person mehrfach erfasst wurde. Sie werden nach fachlicher Prüfung zusammengeführt. Veraltete Datensätze werden beendet, archiviert oder von der Migration ausgeschlossen – sofern keine fachlichen oder rechtlichen Gründe für ihre Übernahme sprechen.

Danach folgt das Mapping. Jedes relevante Feld des Altsystems wird dem Datenmodell von Employee Central zugeordnet. Dabei zeigt sich häufig, wie uneinheitlich die Daten über die Jahre gepflegt wurden: Statuswerte existieren in verschiedenen Schreibweisen, Datentypen und Formate passen nicht zusammen, Pflichtfelder sind unvollständig.

Zu klären ist dabei unter anderem:

  • Gehören mehrere Einträge zur selben Person, und wie werden sie zusammengeführt?
  • Was ist veraltet und kann beendet oder archiviert werden?
  • Wie bildet Employee Central die bisherigen Statuswerte, Formate und Bezeichnungen ab?
  • Wie weit zurück wird die Historie fachlich und rechtlich tatsächlich gebraucht?
  • Und vor allem: Wer trifft diese Entscheidungen?

Xayambe bringt HR und IT in diesem Prozess zusammen, strukturiert die Entscheidungen und schafft eine belastbare Grundlage für Employee Central. Denn nicht alles, was im System steht, muss mitwandern. Und nicht alles, was alt ist, darf einfach verschwinden.

Eine lang erwartete Rückkehr

Noch bevor Varek Wilson den Crewbereich zeigen kann, öffnet sich die Tür zur Brücke. Im Kommandosessel sitzt jemand mit dem Rücken zu ihnen. „Entschuldigung“, ruft Varek. „Dieser Sessel ist ausschließlich dem Kommando vorbehalten.“

Der Sessel dreht sich schwungvoll herum und Maya Bex lächelt ihn an. „Verzeihung, ich wollte mir nur einen ersten Überblick verschaffen.“

Varek blinzelt. Einmal. Zweimal. Dann beginnt er einen Satz und bricht ab.

„Und entschuldigen Sie die Verspätung“, sagt Maya schnell. „Ein Go-live in einer anderen Galaxie. Beim Übertragen der Abwesenheiten hat das System sämtliche Urlaubskonten ins Jahr 2087 verschoben.“

Navara kommt hinter ihrer Konsole hervor, grinst den immer noch sprachlosen Ersten Offizier an und fragt: „Und dann?“

„Dreihundert Crewmitglieder hatten plötzlich sechzig Jahre Resturlaub. Und alle wollten ihn sofort nehmen.“

In diesem Moment betreten Fabian und Ilim die Brücke. Beide wirken müde, aber zufrieden.

„Die Schichtplanung der SELUNA läuft“, sagt Ilim. „Die automatische Umrechnung funktioniert, und zwei weitere Crewmitglieder können sie inzwischen bedienen.“

„Danke, dass ihr eingesprungen seid, obwohl ihr auf der Erde schon so viel zu tun habt“, sagt Maya. Sie nimmt Fabian das Tablet aus der Hand. „Ich übernehme wieder. Fliegt schnell nach Hause, bevor das schwarze Loch dieses Sternensystem doch noch verschluckt.“

„Ja, das wäre blöd“, sagt Fabian. „Unser Estrich kommt am Freitag.“

„Estrich“, kommentiert N3RV. „Eine Ausgleichsschicht auf dem Rohboden. Muss vollständig trocknen, bevor darauf weitergebaut werden kann.“

Morten schüttelt lachend den Kopf. „Ihr Erdlinge fliegt durch die halbe Galaxis und zu Hause baut ihr ein Haus mit Keller.“

„Sogar mit Doppelgarage“, sagt Fabian und zwinkert ihm zu.

Ilim hebt die Hand zum Abschied. Dann verlassen die beiden die Brücke.

Navara geht auf Wilson zu. „Willkommen an Bord der MERIDIAN.“

Wilson beugt sich zu dem Metallkopf hinunter, lauscht einen Moment und nickt Navara lächelnd zu.

„Vielen Dank. Auch im Namen meines Kollegen Bukowski.“

Später, als es auf der Brücke ruhiger wird, tritt Maya neben Varek vor den Hauptschirm. Draußen zieht das Wrack langsam am Sternenhimmel vorbei. Einen Augenblick sagt keiner von beiden etwas.

Dann räuspert sich Varek. „Maya, ich wollte Ihnen eigentlich schon auf Datura etwas sagen.“

Noch bevor Maya antworten kann, rollt N3RV zwischen die beiden. Seine Anzeige leuchtet auf.

„Wiedersehen“, erklärt er feierlich. „Das erneute Zusammentreffen zweier Personen nach längerer räumlicher Trennung.“

Varek schließt kurz die Augen. „N3RV …“

„Ja, bitte? Soll ich das Gespräch protokollieren?“

Logbuch, Ende (für heute)

Wilson ist an Bord der MERIDIAN, die Archive der KETHRA bleiben verschlossen und das Wrack treibt noch immer genau dort, wo sich in drei Tagen und zwei Stunden der Schutzschirm auffächern soll.

Der Bote auf dem Weg zu Captain Tyrell steht laut System weiterhin auf Status „noch unterwegs“.

Maya brütet über ihren Notizen und plant die nächsten Schritte. Varek steht noch immer vor dem Hauptschirm und versucht zu ergründen, warum seine Kommunikationsfähigkeit ausgerechnet bei Maya Bex messbar nachlässt.

Kennst du das auch? Alle wissen, dass aufgeräumt werden müsste, und trotzdem löscht niemand den ersten Datensatz. Wie viele Karteileichen gibt es in eurer HR-Landschaft? Und wer entscheidet, was bleiben darf?

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