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KEINE PANIK Vol. 2 – Teil 9: Die letzten Meter zum Gipfel – über Widerstände, das „Warum“ und die Lektionen eines Aufstiegs

Logbuchnotizen der Crew des Raumschiffes AURORA über ihre Sta(H)R-Transformation im Mittelstand, den Wert erfahrener Bergführer und ihre Abenteuer auf dem Planeten Datura.

Stillstand im Aufstieg: Die Kunst, weiterzugehen

Das Universum, so sagt man, hat viele Talente, zum Beispiel Probleme immer dann zu servieren, wenn man sie am wenigsten gebrauchen kann.

Vier Tage hatte die Crew der AURORA für den Aufstieg gebraucht – vier Tage über den Südgrat, durch den tückischen Korrith-Engpass und durch eine Nebelbank. Und nun zeigt Falks Messgerät: Null Signal.

Levaro greift sich das Gerät, schüttelt es mit Nachdruck (ein bewährtes Mittel, das in der gesamten Technikgeschichte noch nie ein Problem gelöst, aber schon viele Gemüter beruhigt hat). Nichts passiert. Mit hängendem Kopf gibt er es Falk zurück und fragt: „Seit wann ist das Signal weg?“

„Weiß nicht genau.“

„Kommt es wieder?“, fragt der Captain hoffnungsvoll.

Falk zuckt nur die Schultern.

Leo schlägt die Hände über dem Kopf zusammen. „Alles umsonst! Wir sind zu spät!“

„Das kann doch nicht sein“, flüstert Priya.

Und plötzlich reden alle gleichzeitig: Sorgen, Schuldzuweisungen, schnelle Lösungen, gegenseitige Vorwürfe – die Anspannung entlädt sich in Stimmengewirr.

Kein Platz für Panik: Begleitung im entscheidenden Moment

Mitten in dem Durcheinander hebt Maya Bex die Stimme: „Hey Leute, KEINE PANIK!“

Die Crew hält inne und sieht ihre Begleiterin verzweifelt an.

„Ich habe Teams erlebt, die genau hier aufgegeben haben“, sagt Maya ruhig. „Der Weg war noch da – aber sie haben sich gegenseitig so lange eingeredet, dass es nicht mehr weitergeht, bis es wirklich stimmte.“

Ihr Blick wandert zu Levaro. „Das Signal kann sich auf dem Plateau erholen. Zwanzig Minuten von hier. Wir gehen jetzt dorthin, messen neu und entscheiden dann mit echten Zahlen und nicht nach Bauchgefühl.“

Levaro blickt von Falks Gerät zum Anstieg.

„Also gut“, sagt er entschlossen. „Wir haben keine Zeit mehr zu verlieren. Vorwärts!“

Die Gruppe setzt sich sofort in Bewegung und eilt nach oben. Als sie das letzte Plateau erreichen, sehen sie eine schmale Hängebrücke über einer Schlucht zwischen ihnen und dem Gipfel. In diesem Moment piept Falks Gerät. Er zieht es hervor, prüft die Anzeige: „Das Signal ist wieder da!“

Die Anspannung löst sich hörbar. Selbst Leo grinst kurz.

„Wie lange reicht das noch?“, keucht Levaro.

Falk schüttelt den Kopf. „Kann ich nicht sagen. Wir sollten uns beeilen.“

Alle legen noch einen Zahn zu. Jenseits der Brücke führt der Weg weiter bergan und ganz oben, kaum zu erkennen gegen den hellen Himmel, steht der Signalturm.

Doch direkt vor der Brücke sitzt jemand, der ganz offensichtlich nicht vorhat, sie einfach durchzuwinken.

Der Widerstand kurz vor dem Übergang

Der grimmig dreinblickende Fremde sitzt auf einem flachen Felsblock direkt vor der Brücke. Neben ihm dampft schwarzer Kaffee in einem verbeulten Metallbecher. Die Uniform, die er trägt, ist alt, an den Schultern ausgeblichen und an mehreren Stellen geflickt. Neben seinem Stiefel lehnt eine schwere Axt gegen den Stein.

Um ihn herum liegen Dinge, die wirken, als hätte jemand die letzten Jahrzehnte technischer Entwicklung aussortiert: ein Wählscheibentelefon, Lochkarten, ein Faxgerät und eine mechanische Schreibmaschine.

Die Crew wird langsamer. Korvos Männer wechseln kurze Blicke. Offenbar hatten selbst sie nicht damit gerechnet, hier oben jemanden anzutreffen.

Der Fremde hebt langsam den Blick, mustert die Gruppe mit der unbeeindruckten Skepsis eines Menschen, der schon viele Teams an genau diesem Punkt gesehen hat.

Maya tritt näher. „Guten Tag, mein Name ist Maya Bex, Projektbegleiterin vom Rettungsschiff Xayambe. Mit wem haben wir das Vergnügen?“

Der Mann sieht belustigt zu ihr auf. „Norbert. Nennen Sie mich einfach nur Norbert. Ihr seid ja ganz schön spät dran!“

Levaro lässt sich von der Antwort kaum bremsen, sein Blick zuckt in Richtung Hängebrücke: „Und deshalb müssen wir auch sofort zum Gipfel. Das Signal ist fast weg!“

Norbert lehnt sich lässig zurück, die Axt griffbereit neben sich, und zieht einen Schluck aus seinem Kaffeebecher. „Eile ist hier kein Argument“, sagt er. „Wer über diese Brücke will, muss mehr mitbringen als Zeitdruck.“

Der Preis des Aufbruchs: Was wir zurücklassen müssen.

Norbert sagt mit der Gelassenheit eines Mannes, der schon viele Systeme überlebt hat: „Mein altes System läuft seit zwanzig Jahren. Das neue scheint mir viel komplizierter – und ob es die Arbeit meiner Leute wirklich besser macht, bezweifle ich. Never change a running system, nicht wahr? Aber keine Sorge – irgendwann kommt immer jemand, der glaubt, er hätte das Rad neu erfunden. Und dann stehe ich wieder hier und winke zum Abschied.“

Maya Bex geht einen Schritt auf ihn zu und sagt ruhig: „Ich verstehe Ihren Punkt. Aber viele Teams merken erst während der Migration, wie viel Energie sie jahrelang in Workarounds gesteckt haben. Solange etwas irgendwie funktioniert, hinterfragt man selten, was es täglich kostet.“

Norberts Blick verdüstert sich. „Nun ja, wenn ihr zu diesen Unbelehrbaren gehört – wohlan …“ Dann deutet er auf den Haufen neben sich. „Aber jede Crew, die hier durchwollte, hat etwas dagelassen. Etwas, das sie nicht mehr brauchten. Was sie loslassen mussten, um weiterzukommen.“ Sein Blick wandert über die Gruppe. „Was habt ihr mir mitgebracht?“

Leo stößt Levaro sanft mit dem Ellenbogen an und nickt in Richtung des Schrotthaufens. Levaro folgt dem Blick und öffnet wortlos seinen Rucksack. Er zieht den grünmetallischen Kasten hervor, den er gefunden und seit vier Tagen mitgeschleppt hat.

Norbert hält inne. Er steht auf, geht einen Schritt näher, beugt sich über das Typenschild, richtet sich langsam wieder auf.

„Das ist eine Ericsson LM KCB 608/0107“, sagt er ehrfürchtig. „Eine elektromechanische Stempeluhr. Präzisionszeitmessung für Industriebetriebe. Von einer Hauptuhr gesteuert, damit die Zeit im ganzen Werk dieselbe war. Über zehn Kilo pure Mechanik.“

Er streicht mit dem Daumen über das Gehäuse. „Wissen Sie, wie das war? Man kam rein, zog die Karte, hörte das Klack. Das war verlässlich. Das war ehrlich. Das war mal –“

„Richtig“, sagt Maya leise. „Das war mal.“

Norbert schaut sie beleidigt an und schweigt.

Die Frage nach dem „Warum“ und der Moment der Wahrheit

Maya tritt einen Schritt vor, die Augen fest auf Norbert gerichtet. „Die Stechuhr also im Tausch gegen den Durchlass.“

Norbert blickt erst Maya, dann den Rucksack an. „Für wen?“

„Für uns alle“, sagt Maya bestimmt.

Norbert schüttelt langsam den Kopf, sein Blick wandert zu Korvo. „Nicht für Sie. Und nicht für ihn und seine Männer.“

Maya zieht die Augenbrauen hoch. „Warum nicht?“

Norbert lehnt sich zurück, die Axt locker in der Hand. „Irgendwann kommt in jedem Projekt der Punkt, an dem Berater und externe Unterstützung weniger wichtig werden. Ab da muss das Team selbst Entscheidungen tragen. Unterstützung wie Ihre ist wichtig, aber am Ende müsst ihr selbst Verantwortung übernehmen.“ Er deutet auf die Hängebrücke. „Und bevor ihr weitergeht, müsst ihr mir noch eine Frage beantworten: Warum macht ihr das überhaupt?“

Levaro zögert. „Wir haben eine Frist …“

Norbert hebt die Hand. „Eine Frist ist kein Grund. Ich will das Warum hören.“

Nach einer kurzen Stille tritt Priya vor. „Weil ich zwanzig Jahre lang erklärt habe, warum etwas nicht geht. Jetzt will ich zeigen, wie es geht.“

Norbert hält ihrem Blick stand, stellt die Stechuhr zu den Relikten und gibt den Weg frei.

Wenn das Warum fehlt und wofür Widerstand wirklich steht

Norbert steht für all jene, die an der Brücke zwischen Alt und Neu zögern. In vielen Projekten wird über Module, Rollen und Oberflächen gesprochen. Währenddessen sitzen Mitarbeitende in den Workshops und fragen sich, warum ein Alltag verändert werden soll, der für sie bisher doch funktioniert hat.  Wer nur hört, dass ein neues System kommt, erlebt Veränderung wie eine Entscheidung von oben. Erst wenn klar wird, warum der bisherige Aufwand überhaupt entstanden ist, beginnt Akzeptanz.

Sobald Mitarbeitende im eigenen Alltag merken, wo Zeit verloren geht oder Fehler immer wieder entstehen, verändert sich die Diskussion. Dann geht es nicht mehr um ‚das neue System‘, sondern um konkrete Erleichterung. Wer das „Warum“ überspringt, baut den Widerstand direkt mit ein. Und manchmal kauft sich der eine oder andere eine Axt und verteidigt die Brücke zur Zukunft, während er an der trügerischen Sicherheit der Vergangenheit festhält.

Was das für Migrationsprojekte bedeutet:

  • Das „Warum“ gehört an den Anfang, bevor Anforderungen definiert werden. Was kostet das alte System täglich an Aufwand? Was könnten Mitarbeitende tun, wenn dieser Aufwand wegfiele? Wer diese Fragen stellt, bevor er Konfigurationen plant, bekommt andere Antworten und trifft bessere Entscheidungen.
  • Widerstand zeigt, wo das „Warum“ noch fehlt. Wer gegen eine Migration ist, hat meist einen konkreten Grund, der nichts mit Software zu tun hat: Er wurde nicht gefragt, seine Prozesse wurden nicht verstanden, seine Bedenken nie gehört. Wer das nicht auswertet, plant denselben Widerstand beim nächsten Projekt ein.
  • Lessons Learned sind die Summe der Norberts, die unterwegs nicht zu Wort kamen. Was haben wir übersprungen? Wen haben wir zu spät eingebunden? Was hat jemand gewusst, den niemand gefragt hat?

Xayambe begleitet Teams genau an diesem Punkt: beim Freilegen des „Warums“, bevor die ersten Konfigurationen starten und beim Auswerten danach. Denn wirklich tragfähig wird eine Migration erst dann, wenn die Menschen dahinter nachvollziehen können, warum sich der Aufwand lohnt.

Logbuch, Ende (für heute)

Maya steht am Brückeneingang und reicht Falk ein flaches Pad. „Die Synchronisation ist vorbereitet. Halten Sie es direkt an den Anschluss, sobald Sie oben sind.“

„Und wenn kein Signal da ist?“

„Dann versuchen Sie so nah wie möglich an die Turmspitze zu kommen. Je höher, desto besser.“

Maya lächelt die vier an: „Gemeinsam schafft ihr das. Ich bin gespannt, was ihr oben entdeckt. Wir sehen uns unten.“

Sie wirft Levaro einen letzten Blick zu und verlässt, gefolgt von Korvo und seinen Männern, das Plateau.

Levaro schaut ihnen nach und atmet tief durch. „Nun gut. Auf zur letzten Etappe!“

Das Signal bleibt kritisch schwach. Unter der Hängebrücke gähnt die düstere Schlucht, oben wartet der Signalturm. Norbert dreht der Gruppe den Rücken zu, schenkt sich Kaffee nach und schüttelt den Kopf.

Wo habt ihr euren Norbert getroffen? Was war eure wichtigste Lessons Learned auf dem Weg ins Neue?

 

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