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Teil 9: Wenn aus dem Go-Live ein echter Ernstfall wird

Zurück an Bord der MERIDIAN: Logbuchnotizen über eine Flotte ohne gemeinsames Fundament, ein wachsendes schwarzes Loch und eine Deadline, die ihren Namen diesmal wirklich verdient.

Der fehlende Wert

Auf der MERIDIAN beginnt der letzte Tag, an dem vor dem Start des gemeinsamen Schutzschildes noch etwas korrigiert werden kann. Der Testlauf vom Vortag hat einen Fortschritt gezeigt und zugleich die entscheidende Lücke offengelegt: Vier Generatoren erreichten gemeinsam ihren belastbaren Zustand, doch ohne die KETHRA hielt der Schutzschild nur zwei Minuten. Die Lastverteilung wurde nach dem gestrigen Test angepasst. Ob diese Korrektur reicht, weiß im Augenblick noch niemand.

Suri überwacht seit dem Morgen die Werte des Generators der MERIDIAN. Auf der SELUNA sitzt die Erste Offizierin. Levaro hat auf der AURORA seine halbe Crew aus der Freischicht geholt.

Varek öffnet den Kanal zur BUTHARA. „Wir brauchen sofort einen belastbaren Wert für Ihren Generator.“

Der Techniker der ersten Schicht sieht auf seine Konsole. „Mein Kollege aus der zweiten Schicht wüsste das. Aber der ist auf diesem verdammten Urlaubsplaneten. Seit gestern versuchen wir ihn zu erreichen, aber das Ding weicht den Relaisstationen offenbar wieder besonders erfolgreich aus. Uns bleibt nichts anderes übrig, als zu testen.“

„Tun Sie das“, sagt Varek.

Kurz darauf trägt Suri zwei Minuten und zehn Sekunden in das System ein.

Der kleine Roboter N3RV meldet sich sofort. „Damit fehlt uns weiterhin ein Wert für den warmen Betriebszustand.“

„Das wissen wir auch“, sagt Varek in einem Ton, der für einen Vulkanier bemerkenswert wenig Gelassenheit erkennen lässt. „Aber wir können den Generator nicht stundenlang unter Last laufen lassen, nur um den Wert für die Betriebstemperatur zu ermitteln. Wir haben keine Zeit.“

„Schon gut“, murmelt N3RV. „Ich wollte es ja nur gesagt haben.“

Zwei Männer zur richtigen Zeit am falschen Ort

Kurz bevor die Schild-Generatoren hochfahren, meldet Navara eine Kontaktanfrage aus dem Randsektor.

Auf dem Hauptschirm erscheint der verschollene Bote, der seit neun Tagen nach Captain Tyrell sucht und unterwegs zwei Antriebsspulen verloren hat. Hinter ihm glänzen Flaschen in einem beleuchteten Regal, über der Theke drehen sich träge zwei Ventilatoren, und irgendwo klirren Eiswürfel in einem Glas.

„Auftrag ausgeführt“, sagt der etwas zerzauste Bote und ringt nach Luft. „Ich habe Captain Tyrell in einer Bar gefunden.“

Er reicht sein Pad weiter und Captain Tyrell erscheint im Bild. Der Kragen seines Hemdes steht offen, über seiner Uniform hängt eine Blümchenkette in Farben, die auf der MERIDIAN gegen mehrere Vorschriften verstoßen würde. Vor ihm steht ein halbvolles Cocktailglas mit einem kleinen Schirmchen. Tyrell sieht aus, als wäre vor wenigen Sekunden sein größtes Problem gewesen, sich für den nächsten Drink zu entscheiden.

„Euch kann man aber auch keine Sekunde allein lassen!“, poltert er nun. „Da bin ich mal acht Tage weg, und ihr baut mir in der Zeit ein schwarzes Loch vor die Haustür.“

Neben Tyrell stellt jemand ein zweites Glas auf die Theke. Ein junger Mann setzt sich auf den freien Barhocker und greift nach einer Schale mit irgendetwas, das verdächtig nach Erdnüssen aussieht.

Navara verengt die Augen. Sie beugt sich vor und betrachtet den Mann auf dem Hauptschirm genauer. „Captain Tyrell, der Mann neben Ihnen!“

Tyrell dreht den Kopf zu seinem Sitznachbarn. „Was ist mit ihm? Hey Jaro, ich glaube, meine Kommunikationsoffizierin hat ein Auge auf dich geworfen.“

„Captain, nein! Das ist der Techniker der BUTHARA, den wir seit gestern fieberhaft suchen.“

Jaro drängt sich neben Tyrell ins Bild. „Was ist passiert?“

Suri schaltet sich ein. „Uns fehlt die Vorlaufzeit Ihres Generators. Ihr Kollege hat heute Nachmittag zwei Minuten zehn gemessen.“

„Dann war der Generator kalt.“

„Richtig. Der Wert bei Betriebstemperatur fehlt uns.“

Der Techniker nickt. „Hundert Sekunden. Dann läuft der zweite Kühlkreis bereits und muss nicht erst hochfahren. Verbinden Sie mich mit meinem Kollegen.“

Die nächsten Minuten führt der Techniker seinen Kollegen auf der BUTHARA durch die Korrektur.

„Soll ich zurückfliegen?“, hört die Crew den erschöpften Boten über den Kanal fragen.

„Ach, Quatsch!“, sagt Tyrell. „Trinken Sie doch erst einmal was.“

Der Ernstfall beginnt

Noch sechs Minuten bis zur Katastrophe. Die vier Generatoren laufen nach den neu festgelegten Startzeiten gestaffelt an. Auf der Brücke wird es still.

„Achtundachtzig Prozent“, sagt Navara.

Auf Suris Konsole läuft eine Welle durch die Anzeige. An der Position der KETHRA bleibt eine Lücke, durch die sich das Licht in die falsche Richtung bewegt.

Wilson deutet auf die Welle. „Die Bewegung da kenne ich. Bei uns sah es damals genauso aus. Erst war der Schild stabil. Dann fing diese Linie an auszuschlagen.“

Suri blickt auf ihre Konsole. „Was ist passiert?“

„Die Last ist zum schwächsten Schiff gewandert. Sobald eines mehr übernehmen musste, wurde die Welle größer.“

Suri sieht zur leeren Position der KETHRA. „Und irgendwann konnte das nächste die zusätzliche Last nicht mehr halten.“

„Genau.“

Varek schaut auf die flache Welle. „Können wir das erkennen, bevor es so weit ist?“

Wilson nickt. „Bei uns wurden die Abstände zwischen den Ausschlägen immer kürzer, bevor der Schild zusammenbrach.“

Suri öffnet eine zweite Anzeige. „Dann setze ich einen Alarm, sobald die Abstände kürzer werden.“

Ein Schutzschild gerät aus dem Takt

Bereits eine Minute später schlägt Suris Alarm an.

„Die Abstände werden kürzer.“

Auf Suris Anzeige wächst die Welle. Gleichzeitig weitet sich die Lücke an der Position der KETHRA.

„Wir können den Schutzschild noch aufrechterhalten“, meldet der Techniker der ersten Schicht über Funk. „Aber die Temperatur steigt.“

Suri rechnet bereits. „Sobald die KETHRA einspeist, verteilt sich die Last wieder auf fünf Schiffe. Dann hätten wir eine Chance!“

Navara sieht auf den Countdown. „Noch fünf Minuten.“

Varek funkt die KETHRA an. „Captain Orrek! Wir brauchen Ihr Schiff. Jetzt!“

Orrek erscheint auf dem Bildschirm und sieht ihn an. „Nein.“

Varek starrt auf den Hauptschirm. „Captain Orrek, uns bleiben vier Minuten.“

„Ihr Zeitproblem macht aus einer ungeklärten Entscheidung keine richtige. Sie haben die Rolle vergeben, bevor Sie wussten, was daran hängt. Ich werde denselben Fehler nicht machen.“

„Captain, weisen Sie dem Mann endlich die verdammte Rolle zu“, poltert Tyrell über den anderen Kanal.

Orrek neigt den Kopf. „Tyrell? Sind Sie das? Sie sind seit acht Tagen im Urlaub und haben weder an den Besprechungen teilgenommen noch die Konsequenzen dieser Entscheidung geprüft. Also erklären Sie mir bitte nicht, was ich zu tun habe.“

Tyrell nimmt das Schirmchen aus seinem Glas. „Gut. Dann erkläre ich Ihnen, was gleich mit diesem Sonnensystem und unseren Schiffen passiert, wenn Sie es nicht tun.“

„Halten Sie sich aus meinen Angelegenheiten raus!“

„Die Sicherheit meiner Crew ist nicht nur Ihre Angelegenheit!“

Maya tritt vor und hebt eine Hand. Die beiden Männer verstummen.

„Captain Orrek.“ Ihre Stimme ist ruhig, obwohl der Countdown hinter ihr weiterläuft. „Wir haben keine Zeit mehr. Worauf warten Sie?“

Orrek sieht sie an. „Auf eine Entscheidung zur Eingruppierung.“

„Nein“, sagt Maya. „Ich meine konkret. Was brauchen Sie, damit Ihr Maschinenmeister sofort den Generator bedienen darf?“

Für einen Moment sagt niemand etwas. Auf der Brücke ist nur das gleichmäßige Warnsignal des Countdowns zu hören.

Jetzt zeigt sich, wer wirklich vorbereitet ist

Der technische Go-Live kann an einem Wochenende erledigt sein. Der Business-Go-Live reicht weit darüber hinaus und entscheidet sich vor allem an den Arbeitsplätzen. Der Unterschied zeigt sich daran, ob jemand weiß, warum ein Feld gefüllt werden muss, an wen er sich bei einer Rückfrage wendet und ob er sich traut, eine Auffälligkeit zu melden, statt sie zu umgehen.

Worauf es dabei ankommt:

  • Führungskräfte und Sachbearbeitung vor dem Start an ihren eigenen Fällen schulen, nicht an Beispieldaten.
  • Für die ersten Wochen benannte Ansprechpartner je Bereich bereitstellen und die Namen sichtbar aushängen.
  • Rückmeldungen aus dem Betrieb sammeln, bewerten und beantworten, auch wenn die Antwort lautet, dass alles so bleibt.
  • Rückfragen und Störungen nach Dringlichkeit bündeln und sicherstellen, dass kritische Fälle sofort beim richtigen Ansprechpartner landen.
  • Die erste Abrechnung und den ersten Monatsabschluss als Teil der Betriebsaufnahme einplanen, sofern sie im Projektumfang liegen.

Xayambe begleitet diese Tage vor Ort, bündelt Rückfragen aus dem Fachbereich, bringt sie zu den richtigen Ansprechpartnern und sorgt dafür, dass niemand mit einem Problem allein vor der Konsole steht.

Logbuch, Ende (für heute)

Vier Schiffe halten den Schutzschild bei achtundachtzig Prozent. Sie haben falsche Handbuchwerte korrigiert, einen Techniker im Urlaub gefunden und aus Wilsons Vergangenheit ein Frühwarnsystem gebaut.

Doch vier Schiffe reichen nicht und Orrek hat Mayas Frage noch nicht beantwortet.

Kennst du das? Wann hat bei euch eine ungeklärte Rolle schon einmal einen Go-Live blockiert?

 

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